Auch von Elif Shafak wollte ich schon lange etwas lesen, nun endlich, willkürlich: «Die vierzig Geheimnisse der Liebe». Bereits 2010 im Original erschienen, hat mich gleich zu Anfang die Erzählform begeistert. Shafak beginnt aus Sicht von Ella in der dritten Person zu erzählen. Ella, vierzig Jahre alt, Hausfrau und Mutter dreier Kinder, soll in ihrem neuen Job ein Gutachten des noch unveröffentlichten Romans «Süsse Blasphemie» erstellen. Zeitgleich mit ihr tauchen wir ein in besagten Roman, eine historische Geschichte aus dem 13. Jahrhundert, die von der Freundschaft zwischen dem Dichter Rumi und dem Derwisch Schams-e Tabrizi berichtet. Die Kapitel des historischen Romans werden aus wechselnden Ich-Perspektiven erzählt. Dazwischen wenden wir uns erneut Ella zu und sehen, was die Lektüre mit ihr macht.
Das Buch ist in fünf Teile aufgeteilt – Erde, Wasser, Luft, Feuer, Leere – und zutiefst spirituell. Wir tauchen tief ein in den Sufismus und die von Schams-e Tabrizi gesammelten vierzig Regeln der Liebe. Dabei geht es nicht um die romantische Liebe, sondern in erster Linie die Liebe zu Gott und wie wir ein erfülltes Leben leben. Ich musste mehrfach an Mel Robbins «Die Let Them Theorie» denken. Das Buch eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zu Anschlussdiskussionen philosophischer, literarischer und politischer Art.
Manche Kapitel von «Süsse Blasphemie» weisen eine historische angehauchte Sprache auf, andere jedoch weniger. Shafak nimmt die Ereignisse von Beginn an vorweg, manche Begebenheiten werden doppelt, aber aus verschiedenen Perspektiven erzählt, und obwohl das Buch über eher wenig Spannung verfügt, ist es dennoch mehrheitlich enorm fesselnd. (Am Ende hätte es etwas gestrafft sein können.)
Einziger Wermutstropfen waren für mich die Passagen über Ella, die mir persönlich zu langweilig, zu berechenbar und klischeehaft waren.
«Die vierzig Geheimnisse der Liebe» fasziniert mich jedenfalls über die Lektüre hinaus und wird sicher nicht mein einziges Buch von Elif Shafak bleiben (das habe ich auch schon über andere Autor*innen gesagt – jetzt brauche ich nur ein unbegrenztes Zeitkontingent für all die Bücher…).
Möglicherweise genau das Richtige für Fans von Jan-Philipp Sendker und Rafik Schami. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.