Kristin Valla beschäftigt sich in ihrem Roman mit Familie, wie wir sie erinnern und wie sie uns prägt. Ich-Erzählerin Elin ist zehn Jahre alt, als im Sommer 1985 ihre Familie zerbricht. Im Herbst 2007 kehrt sie zurück in ihr Elternhaus in Finheide über einem norwegischen Fjord, um es zu verkaufen, erinnert sich dabei an früher, an die Geschichten, die in ihrer Familie erzählt wurden, und entdeckt gleichzeitig kleine Hinweise, die sie an diesen Geschichten zweifeln lassen.
Wir springen mit der Erzählerin noch zu Frühjahr und Sommer 2008 und für einen kurzen Epilog in den Sommer 2019. Die meiste Zeit verbringen wir mit ihr, ihren Gedanken und eigenen Erinnerungen, was dem Roman eine tiefe Ruhe verleiht. Es dreht sich dabei nicht nur um die familiären Beziehungen und wie sie unser Leben prägen, Vallas Protagonistin scheint zudem immer noch auf der Suche nach einer eigenen Identität zu sein. Wer ist sie, wo ihr der familiäre Rahmen fehlt? Wer möchte, wer kann sie sein? Was möchte sie nicht? Wie soll sie reagieren auf die Beförderung? Passt die neue Rolle zu ihr? Wer sind unsere Eltern ausserhalb ihrer Elternrolle? Auf ihren Suchen verschlägt es sie von Norwegen nach Paris und von dort auf einen französischen Landsitz. Was sie dort entdeckt, schildert sie sensibel und zugleich nüchtern, auf Dramatik verzichtend. Valla skizziert die Stimmungen, stellt Alltagsgegenstände in den Fokus und ihr Erzählstil ähnelt einem Album, dessen Fotos wir liebevoll mit ihr betrachten.
Mich überkam beim Lesen selber eine tiefe Ruhe. Dazu trug sicher auch die Taschenbuchausgabe von Kein & Aber bei, mit ihrem charakteristischen Geruch, den Seiten, die sich wegen des blauen Farbschnitts langsam voneinander trennen, und dem Kontrast des glatten Einbands zu den angerauten Seiten. Kristin Valla erzählt nicht alles zu Ende, manches stupst sie nur an, einige Details bleiben wegen der Zeitsprünge offen, was mir eigene Überlegungen erlaubt und daher gut gefällt. «Das Haus über dem Fjord» ist eine schöne, entschleunigende, unaufgeregte Lektüre, die mir gut getan hat.
Aus dem Norwegischen von Tausendsasserin Gabriele Haefs.