Was Julia Schoch über ihre Trilogie schreibt (Klappentext), bringt es auf den Punkt: “Was ich in der Trilogie erzähle? Dass wir unterschiedliche Rollen im Leben haben und nie genau wissen, was wir für andere sind. In den drei Büchern möchte ich Gerechtigkeit walten lassen. Ein Wunschtraum, vielleicht. Aber ein schöner.”
Enorm dicht verwebt Julia Schoch in diesem Roman die Elemente Leben, Lieben, Schreiben, Erinnern. Die Eckpersonen sind einerseits die Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin und die drei Männer, die in deren Leben offenbar Bedeutung haben. Da ist ihr Mann, mit dem sie seit vielen Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, der Soldat, den sie in ihrer Kindheit kennengelernt hat und der Katalane, eine Bekanntschaft anlässlich eines mehrtätigen Kurses für Schriftstellern, mit dem sie eine Affäre hatte.
Es sind die Erinnerungen an diese Lieben, resp. an aus der Zeit gepflückte Ereignisse, Gespräche, Gefühle. Erinnerungen, die durch die Zeit möglicherweise verwaschen und verfälscht wurden. Es ist das, was übrig bleibt und in den Moment hineinwirkt. Ihre Liebe zum Schreiben, zu Büchern macht einen Gegenpol aus, der für die Hauptprotagonistin nicht minder wichtig ist. Für mich ein kluger Kniff, um die Gedanken und die Erinnerungen an die Liebe(n) festzumachen.
Die Gedanken über die Liebe sind sehr tief, berührend, zum Nachdenken anregend, weil sie eine ehrliche Auseinandersetzung darüber suggerieren, was Liebe ausmacht, was wir erhalten und was wir für andere sind.
Die Sprache hat mich restlos überzeugt. Ich mochte nicht aufhören zu lesen. Es gibt nicht wirklich eine spannende Handlung, aber wie Julia Schoch die Geschichte, das Schreiben, die Personen, ihre Interaktionen schildert, hat auf mich eine grosse Faszination ausgeübt und hallt nach. Hin und wieder musste ich den Jahrgang der Autorin nachschauen. Man könnte sich vorstellen, dass sie selbst in diesem Buch vorkommt, einige Passagen scheinen mir allerdings von einer doch um mindestens einer Dekade älteren Frau zu handeln.
Es ist der erste Roman aus ihrer Trilogie. Die anderen hoffe ich auch bald zu lesen.
Eine grosse Leseempfehlung an alle, die kraftvolle Romane, die gleichwohl leise daherkommen mögen.
- Ich habe mich immer damit getröstet, dass man als Schriftstellerin sein kann, was man will. Ich kann in verschiedene Charaktere, Arbeitsfelder und Zeiten schlüpfen, sage ich mir. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Am Ende schlüpft man doch immer nur in sich selbst.
- Die Liebe, das Begehren, erlischt, wenn man jemanden nicht mehr sieht. Irgendwann hört es auf. Diese Gewissheit ist Fluch und Erleichterung zugleich.
- Und genau so ist es mit der Geschichte des Katalanen. Gewisse Bereiche des eigenen Lebens belässt man im Dunkeln, auch vor sich selbst, weil sie einem unlogisch und nicht nachvollziehbar erscheinen, weil man keinen Zugang zu ihnen hat.