Haruki Murakami hat mit „Mister Aufziehvogel“ einmal mehr bewiesen, warum er zu den bedeutendsten Stimmen der modernen Weltliteratur gehört. In diesem rund 750 Seiten starken Roman (der auf der englischen Übersetzung basiert!!) taucht man tief ein in eine surreale Welt, die auf faszinierende Weise zwischen Alltäglichkeit und Magischem Realismus pendelt.
Die Geschichte beginnt mit einer scheinbar simplen Suche nach einer verschwundenen Katze – und weitet sich langsam aus zu einer existenziellen Reise durch Identität, Erinnerung, Verlust und das Unbewusste. Dabei gelingt es Murakami wie kaum einem anderen, aus Beobachtungen des Alltags poetische Tiefe zu schöpfen. Genau das hat mich beim Lesen besonders berührt: Seine Beobachtungsgabe ist bemerkenswert. Er sieht Dinge, die anderen entgehen und beschreibt sie mit einer Feinfühligkeit, die fast meditativ wirkt.
Die Figuren – oftmals Einzelgänger, zurückgezogen, in sich gekehrt – sind typisch Murakami. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum aus Realität und Traum, aus Stille und innerem Aufruhr. Ich liebe diese Charaktere, gerade weil sie so entrückt und doch nahbar sind. Ihre introspektive Art spricht mich sehr an.
Was mir besonders gefallen hat, war Murakamis Fähigkeit, surreale Elemente mühelos in den Erzählfluss einzubetten. Plötzlich ist man in einem Brunnen, verliert das Zeitgefühl, begegnet rätselhaften Frauen oder Kriegserzählungen – und alles fügt sich trotzdem organisch zusammen. Das ist für mich echte literarische Kunst.
Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass sich manche Passagen etwas in die Länge ziehen. Manche Beobachtungen wirken sehr ausgedehnt – und nicht immer ist klar, wohin sie führen sollen. Diese Langatmigkeit hat für mich das Leseerlebnis leicht getrübt, auch wenn sie zum träumerischen Stil des Romans passt.
Trotzdem: „Mister Aufziehvogel“ hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil – es ist ein weiteres starkes Werk Murakamis, das mich in seinen Bann gezogen hat. Ich bin grosse Anhängerin seiner Bücher und auch dieses reiht sich für mich würdig ein.
Fazit:
Ein poetischer, komplexer und traumwandlerisch schöner Roman mit kleineren Längen – aber voller Tiefe, Sensibilität und einer einzigartigen Atmosphäre.