Charles Lewinskys “Halbbart” ist ein historischer Roman, der einen tief in das Leben des Spätmittelalters eintauchen lässt. Vor dem Hintergrund des Schwyzer Marchstreits, des Überfalls auf das Kloster Einsiedeln und der Schlacht am Morgarten entfaltet sich die Erzählung um die Figur Sebi, der uns als Erzähler mitnimmt auf eine Reise durch die turbulenten Zeiten des frühen 14. Jahrhunderts.
Sebi, ein “Finöggel”, der nicht für die harte Landarbeit oder als Soldat geeignet ist, ist ein Meister des Geschichtenerzählens. Sein gutes Gedächtnis erlaubt es ihm, sowohl wahre als auch halbwahre Geschichten zu erzählen, die durch seine Erlebnisse geprägt sind. Durch Sebis Augen erleben wir die Herausforderungen und Freuden des Dorflebens, aber auch die Macht von Geschichten und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Realität. Lewinsky thematisiert auf eindrückliche Weise, wie aus Lügen Wahrheiten werden können, wenn sie nur gut genug erzählt sind — ein Konzept, das in unserer eigenen Zeit nicht weniger relevant ist und die Frage aufwirft, wie leicht es ist, von “Fake News” beeinflusst zu werden.
Die Beziehung zwischen Sebi und dem nonkonformistischen Halbbart ist ein zentrales Element der Handlung. Halbbart ist für Sebi ein Vorbild, das ihm zeigt, dass es mehr gibt als nur den geraden Weg. Auch sein umsichtiger Bruder Geni, dessen Leben durch den Halbbart gerettet wird, ist ein Mentor, während der impulsive Bruder Poli ihm demonstriert, wie man es besser nicht machen sollte. Diese charakterlichen Gegensätze verleihen der Erzählung Tiefe und sorgen für einen ständigen inneren Konflikt, den Sebi durchlebt.
Besonders bemerkenswert ist die Sprache, die Lewinsky gewählt hat. Sie ist lebhaft, eigenwillig und spiegelt die Eigenheiten des Schweizerdeutschen wider. Sebis Geschichten werden im Perfekt erzählt, was der Erzählweise einen zeitlosen Charakter verleiht. Diese Sprachästhetik kann für einige Leser eine Herausforderung darstellen, dennoch schafft Lewinsky es, durch seine lebendige Prosa und die Vielzahl an Anekdoten ein fesselndes Bild der damaligen Zeit zu entwerfen. Die kleinen Geschichten, die Sebi erzählt — ähnlich den Märchen des Teufels-Anneli — tragen zur Wärme und Lebendigkeit der Erzählung bei.
Insgesamt ist “Halbbart” ein beeindruckendes Werk, das historische Ereignisse auf eine zugängliche und unterhaltsame Weise präsentiert.