Ocean Vuong beschreibt in seinem neuen Buch eine Geschichte des Lebens, des Überlebens und des Todes. In einem Jahreszyklus von Sommer über Herbst, bis Winter und schliesslich Frühling wird die traurige Geschichte von Hai erzählt, die von Drogenkonsum, offenen Identitätsfragen, Trauer und Liebe geprägt ist. Hai trifft am Tag seines fast durchgeführten Suizids auf Grazina, die ihn vor neue Herausforderungen stellt. Eine Freundschaft, die auf einem gegenseitigen, unausgesprochenen Bedürfnis des Nicht-Allein-Sein-Wollens basiert, bildet den Kern des Buches.
Die Erzählung hat viele schöne Aspekte, wie der Austausch zwischen Hai und Grazina, die immer mehr in der Demenz versinkt oder auch zwischen Hai und seinem Cousin. Es ist ein Buch, welches sich sicherlich für eine genauere literarische Analyse eignen würde - für die normale Leseerfahrung fehlte mir persönlich etwas die Tiefe. Die Identitätskrise der Hauptfigur Hai, sowie seine traumatischen Erinnerungen sind Teil der Erzählung, stehen aber nicht im Vordergrund. Grundsätzlich finde ich es eine spannende Entscheidung des Autors, die Ursprünge des Leidens in den Hintergrund zu stellen und stattdessen ein Jahreszyklus eines Lebens aufzuzeigen. Irgendwie konnte ich mich aber nicht so stark auf diese doch sehr traurige und emotionale Geschichte einlassen, da mir der Bezug zu den Erfahrungen der Hauptfigur dann doch gefehlt hat.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, wenn man/frau sich ein bisschen mit den literarischen Eigenheiten des Buches vertraut machen möchte und mit einem offenen, “unfertigen” Ende leben kann.