Leon de Winters jüngsten Roman zusammenzufassen, fällt mir gerade etwas schwer. Vielleicht, weil nicht alle Teile zu einem Gesamtnarrativ zu passen scheinen – oder ich erkenne es nur nicht, das wäre durchaus möglich.
Wir folgen einem allwissenden Erzähler in das Leben von Jaap Hollander. Vor zehn Jahren verschwand die Tochter des nun pensionierten niederländischen Neurochirurgen spurlos. Seither kehrt er jedes Jahr nach Israel an die Stelle zurück, an der sie zuletzt gewesen ist. Dieser Besuch jedoch entwickelt sich anders als die vorherigen und Jaap beginnt, zunehmend kritisch auf sein Leben und seine Beziehungen zurückzublicken und sich zu fragen, was im Leben wirklich von Bedeutung ist.
Was mich an Hollanders Geschichte am meisten faszinierte, waren die Aspekte aus der Neurochirurgie und was in dem Bereich mittlerweile alles möglich ist. De Winter hat das Konzept des Buches seit 2014 mit sich herumgetragen und insbesondere die medizinischen Hintergründe intensiv recherchiert. Es erinnerte mich in dieser Hinsicht an «Saturday» von Ian McEwan. Doch dabei allein bleibt es nicht. Das Buch macht einen Schwenk zum Spirituellen/Religiösen/Mythischen, hat ebenso eine politische Komponente, es geht ums Altern und den Blick zurück, ist eine Liebeserklärung an Tel Aviv, die Stadt der Hunde uvm. Manche Sequenzen haben etwas Traumähnliches, der Erzählung selbst haftet etwas Distanziertes an. Jaap ist ein rationaler Mensch, der nun eine «zarte Wehrlosigkeit» bei sich selbst beobachtet. Auffällig ist, wie die Kapitel und Sätze gegen Ende kürzer werden und somit Jaaps Befinden spiegeln. Gleiches gilt für sein Haus in den Niederlanden, das als Metapher gelesen werden kann.
De Winters Roman ist sorgfältig aufgebaut und durchdacht, liest sich jedoch geradlinig. Ich stelle es mir spannend vor, das Buch mit anderen genauer zu analysieren. Jaap ist recht isoliert, entsprechend viel Zeit verbringen wir allein mit ihm, in sich gekehrt, betrachtend, in leicht melancholischer Stimmung. «Stadt der Hunde» hat mich nicht direkt begeistert, aber auf verschiedene Weisen fasziniert.