Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, und noch nie hat ein Perspektivenwechsel so viel Sinn gemacht wie in diesem Buch. Es zieht sich ein roter Faden von Kapitel zu Kapitel, auch wenn man zwischen verschiedenen Zeitebenen und Erzähler/innen umherspringt. Eindrücklich.
Ausserdem habe ich mit grossem Interesse über die politischen und kulturellen Entwicklungen in Zypern gelesen. Es faszinierte mich, dem Lebensweg der Charaktere zu folgen und gleichzeitig viel über Zypern zu lernen. Nach dem Leseerlebnis bin ich um ein bisschen Wissen über die Insel in den 70er Jahren reicher. Zudem schätze ich die Herangehensweise an den Krieg in Zypern. Einerseits wird genug erzählt - auch tragische Schicksale - um das Ausmass der Zerstörung verstehen zu können, und zwar materielle & menschliche, kulturelle und soziale Zerstörung. Andererseits bleibt das im Vordergrund, was die Menschen zusammenhält: Liebe, Kultur, Hoffnung und eine gemeinsame Vergangenheit. Das heisst, auch wenn das Buch von einer traurigen Zeit handelt, und Verluste vorkommen, empfand ich es überhaupt nicht als trauriges oder gar belastendes Buch, sondern spürte während dem Lesen Nachdenklichkeit, Faszination und - trotz allem - Leichtigkeit. Das muss man auch erst mal hinbekommen; diesen einladenden Tonfall zu treffen, und trotzdem der belastenden Vergangenheit eines Inselvolkes gerecht zu werden.
Die Charaktere haben mir sehr gefallen. Der Feigenbaum, die Tochter Ada, der Vater Kostas und die Mutter Dafne haben allesamt sehr durchdachte Persönlichkeiten, die sich über die Zeit hinweg natürlich und doch sehr spannend entwickeln. Alleinig Ada fand ich etwas zu klug konzipiert. Kinder sehen zwar sehr klar und verstehen mehr, als man denkt, aber Adas tiefgründige Klarsicht, Reflektiertheit und Interpretation schien mir zuweilen mehr eine Botschaft aus den Überzeugungen der Autorin als Adas Persönlichkeit. Dies tat der Erzählung allerdings keinen Abbruch.