(Inhalt vgl. Cover)
“Die Goldenen Zwanziger würden auf ewig die unerreichbare gute alte Zeit bleiben, und wo früher noch Raum für den Traum vom eigenen Auto oder von Reisen in ferne Länder vorhanden war, galten die geheimen Sehnsüchte jetzt einem Paar neuer Schuhe.”
Im zweiten von vier Bändern der Reihe “Leise Helden” begleitet die Leserin*der Leser Richard und Paula sowie ihren Freund Fritz durch die schwierigen Nachkriegsjahre. Die Autorin hat sorgfältig recherchiert und es gelingt ihr sehr gut, Fiktion und Wirklichkeit miteinander zu verweben. Ihr schnörkelloser und bildhafter Schreibstil lässt einen teilhaben an den schwierigen Verhältnissen (beengte Wohnverhältnisse, grosser Mangel an Lebensmitteln, Kleidern und Kohle sowie eingeschränkte medizinische Versorgung). An jedem Tag geht es ums Neue auf die Suche nach Möglichkeiten, sich und die Familie über die Runden zu bringen. Erstaunlich, wie die Menschen trotz dieser Schwierigkeiten die Hoffnung auf ein normales, besseres Leben nicht verloren haben. Und dabei war ihnen ab und zu wohl auch eine Portion Humor behilflich.
“So gesehen hatte vielleicht doch alles im Leben seinen Sinn und in jedem Leid lag der Keim für neue Hoffnung.”
Die verschiedenen Charaktere sind sehr gut beschrieben und greifbar. Ich habe mit ihnen gelitten, getrauert und mich ab Kleinigkeiten gefreut. Ich konnte die fast hoffnungslose Situation im Spital spüren und war fasziniert von der fachlichen aber gut verständlichen Beschreibung der Lösungen, die Fritz, der Chirurg, immer wieder gefunden hat, um Menschenleben zu retten.
Beschrieben wurden auch verschiedene Gerichtsverhandlungen. Auch wenn ich diese aufgrund der Gesetzesauslegung durch die Richter - jene, die für die Anwendung der Gesetze schon während des Nationalsozialismus verantwortlich waren - als Alibi-Übung, auf jeden Fall aber als voreingenommen empfunden habe.
“Ein Volk, das so etwas zu verantworten hat, gehört nicht länger in den Kreis der zivilisierten Nationen.”
Die Beschreibung, welche die Nazis für beeinträchtigte/behinderte Menschen verwendet haben, hat in mir tiefe Trauer ausgelöst. Im Buch “Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens” erläutert Karl Binding die rechtlichen Grundlagen für eine mögliche Straffreiheit bei Euthanasie und Tötung auf Verlangen. Alfred Hoche versucht im gleichen Buch die Tötung von kranken Menschen zu rechtfertigen. (Dieses Buch wird ein paar Mal erwähnt.)
“Wer will schon hören, was Stimmlose zu sagen haben?”
Schliesslich hat mich die Beschreibung des zerstörten Hamburg beeindruckt. Die trübe Stimmung über all die Jahre ist spürbar - aufgrund der sorgfältigen Recherche der Autorin auch diesbezüglich ein wahres Zeugnis.