Hilfreich zu wissen:
Nachdem am 14. Juni 1940 die Nazis in Paris eingerückt sind, hat General Pétain den Friedensvertrag unterzeichnet mit dem berüchtigten Artikel 19, wonach auf Verlangen der Besetzer Menschen an die deutsche Regierung auszuliefern sind. Zehntausende wähnten sich in Frankreich zuvor in Sicherheit, nun schweben sie in Lebensgefahr. Auf Vorschlag von Thomas Mann findet daraufhin im New Yorker Hotel Commodore am 25. Juni eine Versammlung statt. Ziel der Sitzung ist, verfolgten Künstlern und Intellektuellen die Flucht nach Amerika zu ermöglichen. Es gründet sich das Emergency Rescue Committee (ERC), das einen Freiwilligen sucht, der nach Marseille in die Höhle des Löwen geht, um dort den Betroffenen zu helfen. (Jörg Kijanski, 2013)
Und damit beginnt die Geschichte um viele Künstler und Intellektuelle, die Varian Fry ihr Überleben verdanken.
Das Cover (jenes von der Ausgabe, die ich gelesen habe) ist auffallend: einerseits die Farbe rot (Gefahr), die mit dem Titel übereinpasst, andererseits dieser elegant gekleidete Herr, der - wie mir scheint - so gar nicht zu den Cover-Erklärungen passt.
Den Schreibstil meiner Schweizer Lieblingsautorin mag ich: bildhaft, schnörkellos, empathisch und trotz der Schwere des Themas immer wieder auch poetisch. Wie gewohnt hat die Autorin sorgfältig recherchiert. Interessant ist nicht nur die Auswahl-Liste der Personen, welche in die USA eingeladen wurden und die Varian Fry unter schwierigen Umständen suchen musste.
“Es gibt wohl eine Art Verwandtschaft, die all jene verbindet, die nicht gefühllos am Elend vorübergehen.”
Ich fühlte mich im Lesefluss durch die vielen, auch immer wieder neuen namentlich genannten Flüchtlinge oft behindert. Ab und zu musste ich googeln. Mit dabei waren u.a. Heinrich und Golo Mann (Schriftsteller, Sohn von Thomas), Franz Werfel (Schriftsteller), Max Ernst (Maler), Walter Mehring (Schriftsteller), Lion Feuchtwanger (Schriftsteller), Marc Chagall (Maler), Marcel Duchamp (Maler). Es gelingt der Autorin ausgezeichnet, der Leserin*dem Leser die Arbeit von Varian Fry und seinen Helfern aufzuzeigen, Einblicke in das Leben und Werk einiger Intellektueller zu vermitteln sowie die Situation in Einrichtungen wie der Kinderkolonie “La Hille” oder dem Barakenlager “Gurs” zu schildern. Die Verzweiflung, Ängste und die Hoffnung der Flüchtlinge, aber auch das Negieren/Nichtwahrhabenwollen von einzelnen Auserwählten sind spürbar und haben mich betroffen gemacht.
"Menschen im Transit. Es lohnt sich nicht, Bekanntschaften zu machen. Man hat nur sich und seinen Schatten. (…) “Oft nicht einmal mehr seinen echten Namen.”
“Und genau wie bei den Eidechsen wird dieser Teil von uns nachwachsen, eines Tages, möge er nicht zu fern sein.”
Der Autorin ist ein interessanter, berührender, aufwühlender historischer Bericht über den Retter der Intellektuellen gelungen. Und wieder einmal erhält Varian Fry wie andere auch (z.B. Carl Lutz in Budapest) keine Anerkennung während seiner Lebenszeit. Als einziger Amerikaner wurde er 30 Jahre nach seinem Tod in Yad Vashem (Internationale Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem) in die Liste der “Gerechten unter den Völkern” aufgenommen.
“Für einen Fall wie sie (junge Witwe mit Kind) hätte das Rescue Committee bis anhin keine Mittel gehabt, doch nun, dank Mary Jayne Gold, gab es für weniger berühmte Menschen eine sogenannte ‘Gold List’.”