Goethe befindet sich inmitten einer anhaltenden Schaffenskrise, ausgerechnet jetzt, wo er seinen Jahrhundertroman Faust überarbeiten sollte. Sein Stolz verbietet es ihm zuzugeben, dass er kaum eine Zeile zustande bringt, nicht einmal ein paar sich reimende Verse für eine Theateraufführung. Wieder einmal bin ich beeindruckt, wie Charles Lewinsky sich sprachlich an die Epoche anlehnt. Das Buch liest sich fast so, als wäre es seinerzeit geschrieben worden. Goethe ist ein stolzer Mann, der sich seiner gesellschaftlichen Position bewusst ist, was seine gedankliche und körperliche Beweglichkeit einschränkt. Doch es gibt wohl etwas in ihm, dass mit den engen Strukturen eines standesgemässen Lebens nicht einverstanden ist. Das zeigt sich in der Lebensgemeinschaft mit seiner Haushälterin und ihrem gemeinsamen Kind. Das wissen alle in der “guten” Gesellschaft, aber niemand hält ihm das vor, denn er ist berühmt und geschätzt. Sie natürlich ist ausgeschlossen in diesen Kreisen, sowie ihr Bruder der für einen Hungerlohn in einer Bibliothek arbeitet. Goethes “Schwager” Vulpius ist es dennoch, der Goethe mehr als einmal aus der Not hilft, was an sich schon beleidigend ist. Doch schlussendlich verhilft er Goethe nicht nur zu neuer Kreativität, sondern auch zu neuer Lebensfreude. Bis es aber so weit ist, muss der hochwohlgeborene Goethe einige innere und äussere Hürden überwinden und bittere Pillen schlucken. Verpackt in diesem humorvollen Buch findet sich eine Lektion über kreatives Schreiben, die ich mit grossem Vergnügen gelesen habe.