Die ganze Story ist eine Metapher für die echte Welt und stellt eine Utopie der Zukunft dar. Es geht um das Leben in der Stadt Lucille nach einer Revolution, die alles veränderte.
Akwaeke Emezi besticht durch das Erschaffen einer Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich ist - aber eben ein bisschen toleranter, respektvoller und gerechter. Eine Welt, in der die heute ungehörten Menschen ihren selbstverständlichen Platz haben. So selbstverständlich, dass man sich als Leser/in gewisse Situationen selbst erklären muss, weil diese in der heutigen Welt nicht oder fast nicht existieren.
Man muss sich erst auf die Geschichte und die Charaktere einlassen - das dauert ein bisschen. Manchmal driftet die eigentlich in der Realität basierte Story fast schon in Fantasy ab. Aber nur fast. Die Metapher, die das Buch ausmacht, ist eine Mischung zwischen einem naiven Kindertraum, einem moralischen Spiegel und einer verblüffenden Klarsicht durch die verschiedenen Barrieren der heutigen Welt.
Nach der Lektüre frage ich mich: Wer ist eigentlich das Zielpublikum des Buches? Offiziell ist es eine Jugendlektüre. Aber es gibt meiner Meinung nach einige Diskrepanzen. Die Metapher und das Geschehen laden ein, sich Gedanken zum echten Weltgeschehen zu machen, und vielleicht gewisse Situationen im eigenen Leben wiederzuerkennen. Es kann einen helfen, klarer zu sehen und zu interpretieren, ohne dazu gezwungen zu werden. Das finde ich für Jugendliche sehr passend. Allerdings sind das Setting und das Ende sehr widersprüchlich. Die offensichtliche Metapher, das spezielle Haustier und die Frage nach Gerechtigkeit klingen für mich nach einer idealen Schullektüre für 14-Jährige. Aber das nur kurze, aber doch grausame Ende liess mich einen Moment lang leer schlucken - und hätte mein 14-jähriges Ich damals definitiv verstört. Es passt einfach nicht zusammen. Das Wort Vergewaltigung, beispielsweise, wird nie erwähnt - Akwaeke Emezi umschifft Details dank ihrer Metapher. Blaue Flecken sind alles, was man mitbekommt - den Rest muss man sich ausmalen. Ausser am Ende - da wird Grausamkeit plötzlich explizit, und das finde ich unnötig.
Auch Erwachsene könnten sich das Buch durchaus zu Gemüte führen. Die Metapher ist dann sehr einfach zu verstehen, aber die Charaktere sind interessant. Und es hallt auch nach der Lektüre noch nach, denn es bleibt eine Frage offen: Wenn selbst die Utopie nicht sicher ist, wo wollen wir als Gesellschaft denn überhaupt hin?