Die katholische Kirche ist wohl der grösste Arbeitgeber in Deutschland. Über 700‘000 Mitarbeiter (Jahr 2016) sind dabei dem kirchlichen Arbeitsrecht unterworfen. Wer einen höheren Posten mit sogenannter Vorbildungsfunktion bekleidet, ist an die Unauflösbarkeit der katholischen Ehe gebunden. Wer nach zivilem Recht zwar geschieden ist, ist es nach der katholischen Lehre noch lange nicht. Öffentlich eine neue Partnerschaft eingehen? Dies ist eine schwere Sünde und kann mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einhergehen! Der einzige Ausweg: das Führen eines Ehenichtigkeitsverfahrens durch eines der 22 Kirchengerichte, wo zig Personen zum eigenen Fall befragt werden. Alle Beteiligten sind zur Geheimhaltung verpflichtet. Ebenso in Fällen von Ahndung sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Eva Müller hat zwei hochbrisante Themen aufgegriffen.
Erster Eindruck: Ein klares Cover, interessante Wahl von Buchtitel und -untertitel; gefällt mir sehr gut.
Nachdem ich vor ein paar Jahren „Gott hat hohe Nebenkosten“ mit grosser Begeisterung gelesen hatte, war ich sehr auf das vorliegende Buch gespannt. Und? An meiner damaligen einleitenden Aussage kann ich festhalten: Für mich ist der Glaube sehr wichtig, aber ich bin nicht bibelfest und gehe auch nicht jede Woche in die Kirche. Mit der Institution „Kirche“, insbesondere der katholischen Kirche, tue ich mich nämlich manchmal etwas schwer. Ich kann u.a. nicht nachvollziehen, wie einzelne Menschen mit Vorbildfunktionen Dinge vertuschen, verleugnen. Eines der 10 Gebote ist doch „Du sollst nicht lügen“ – das passt für mich dann überhaupt nicht.
Wie kann es sein, dass beim Ehenichtigkeitsverfahren durch fremde Leute festgestellt werden soll, wie die Situation zum Zeitpunkt der Eheschliessung war? Seit der Eheschliessung sind zuweilen viele Jahre, sogar Jahrzehnte, vergangen. Und nun soll nur zählen, was sie/er zum Zeitpunkt der Eheschliessung dachte? Wollte sie z.B. noch keine Kinder und hat verhütet? Fehler! War ihm schon klar, dass er nicht treu sein kann? Fehler! Das könnte das Kirchengericht dann nach mehrmonatiger bzw. sogar mehrjähriger Bearbeitung als „Partialsimulation“ von einem der beiden Ehepartner einstufen und danach die (erste) Ehe als nichtig erklären. Zeugen werden befragt, auch zu intimen Details. Wirklich beschämend!
Missbrauch ist abscheulich – es führt zu so viel Leid bei den Betroffenen. Dass jeweils nur die Spitze des Eisberges aufgedeckt wird, ist dabei erschreckend und macht sehr traurig. Wenn Menschen zu Tätern werden und andere Menschen deren Taten verschleiern, ist mein Rechtsempfinden massiv gestört.
Das Buch war spannend wie ein Krimi und gleichzeitig zutiefst empörend. Von mir gibt es 5 Sterne.