Christian Seidel beschreibt in seinen Selbstversuch, als Frau zu leben. Seidels Beobachtungen zur unterschiedlichen Behandlung der Geschlechter im Alltag sind zwar stellenweise eindrucksvoll beschrieben, bleiben jedoch oft an der Oberfläche. Er beschreibt etwa, wie sein Umfeld auf seine feminisierte Erscheinung mit weniger Respekt, mit Belächelt-Werden und mit Reduzierung auf Äusserlichkeiten reagiert. Doch statt diese Erfahrungen zu vertiefen, Romantisiert er das Frau-Seins. Weiblichkeit erscheint bei ihm oft als Projektionsfläche für Empfindsamkeit, Schönheit und Intuition.
Besonders problematisch wird es, wenn Seidel nach einer einzelnen, als bedrohlichen Erfahrung aufhört, als Frau aufzutreten. Diese Entscheidung ist individuell verständlich, doch unterstreicht sie auch sein Bezug zum romantisierten Frau-Sein: Denn Frauen können nicht einfach “aussteigen”, wenn sie Diskriminierung, Übergriffigkeit oder Bedrohung erfahren. Dieser Asymmetrie misst Seidel zu wenig Bedeutung bei, obwohl sie zentral ist, um das Ausmass gesellschaftlicher Ungleichheit wirklich zu erfassen.
Auch die Rolle von Männlichkeit und männlicher Mitschuld an den Strukturen wird nur am Rande thematisiert. Zwar lässt der Autor Selbstkritik durchscheinen, doch oft bleibt es bei persönlichen Anekdoten. Eine strukturelle Auseinandersetzung mit der Verantwortung von Männern sucht man weitgehend vergeblich.
So bleibt es ein interessantes, aufrichtiges, aber letztlich unvollständiges Selbstexperiment. Christian Seidel eröffnet einen Blick in die Erfahrung von Geschlechterrollen, mit einem stark gefilterten, männlich geprägten Blickwinkel.