Gina Buchers Roman Schattengänger behandelt auf ruhige und nachdenkliche Weise Themen wie Einsamkeit und soziale Unsichtbarkeit. Im Mittelpunkt steht Jo Graber – eine Figur, die nie direkt zu Wort kommt, sondern ausschliesslich durch die Erzählungen anderer beschrieben wird. Diese Erzählweise ist ungewöhnlich und bietet interessante Perspektiven, kann aber stellenweise auch distanziert wirken, da der Hauptcharakter kaum greifbar wird. Der Spannungsbogen entwickelt sich langsam, was Leserinnen und Leser mit Geduld durchaus schätzen könnten, anderen jedoch als etwas zäh erscheinen mag. Der Stil ist feinfühlig und sprachlich durchdacht, aber auch eher nüchtern – emotionale Nähe entsteht selten.
Im Vergleich zu anderen Büchern aus dem gesellschaftskritischen Genre fehlt es Schattengänger ein wenig an erzählerischer Dynamik oder überraschenden Momenten. Wer sich jedoch auf die stille Beobachtung eines sozialen Phänomens einlassen möchte, findet hier einen ruhigen, eher zurückhaltenden Roman mit Tiefgang – wenn auch ohne grosse erzählerische Höhepunkte.