Schonungslos beschreibt Camille Kouchner ihre Wut und Ohnmacht und ihre erdrückenden Schuldgefühle, die sie seit dem Missbrauch ihres Zwillingsbruders durch ihren Stiefvater lähmen und ihr den Atem nehmen. Sie schweigt, weil sie zur Liebe erzogen worden ist, zur Freiheit, in der grossen ach so fortschrittlichen Familie von Sanary, bei den so freiheitsliebenden Linken der gehobenen Gesellschaft von Paris. Wie verlogen und unfrei einige darin sind, machtbesessen und manipulativ, ist erschreckend. Sie wird beinahe zerrissen zwischen ihrem Rechtsempfinden und dem, wozu sie erzogen worden ist und was zumindest verbal hochgehalten wird – die Hydra beisst immer wieder zu. Dass ihr Stiefvater Minister wird und in der Öffentlichkeit glänzt, macht alles nur noch schlimmer – umso weniger würde man ihr oder ihrem Bruder ja glauben, wenn sie nicht mehr schweigen würden.
Eindrücklich schildert sie ihr inneres Ringen um ihr Schweigen, ihre innige Beziehung zum Zwillingsbruder und wie dieser Missbrauch mehrere Leben zerstört, ja wie es die ganze grosse Familie auseinanderreisst und eine unbeschwerte Zukunft verunmöglicht. Ein erdrückendes, lesenswertes Zeitdokument über vermeintliche Freiheit, menschliche Abgründe, Opfer-Täter Umkehr und alles überwältigende Scham und Schuld.