Elisa, die Erzählerin, würdigt die Dichterin Mascha Kaléko mit einem Besuch an ihrem Grab. Dazu reist sie von Hamburg nach Zürich und widmet jedem Kapitel ein Gedicht dieser Lyrikerin. Der Roman liest sich wie ein Tagebuch oder, vielmehr, es ist, als ob mir eine Person ihre Lebensgeschichte erzählt – eine wortgewandte Frau, die sehr gerne redet. Eine, die es versteht, intensive Gefühle in Worte zu fassen, die frech genug ist, Epikurs These über den Tod als „Quatsch“ zu bezeichnen und die ihrer Mutter dankbar ist für den Grundstock an Liebe, den sie von ihr bekommen hatte. Eine Frau mit schwarzem Humor. Dabei springt sie scheinbar unwillkürlich und zufällig in der Zeitlinie umher. Trotzdem hangelt sich die Geschichte einem roten Faden entlang, auf den sie immer wieder zurückkommt. Sie lässt uns an ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Leben teilhaben.
Die emotionale Intensität ist sowohl in ihrer Sprache als auch in der Lebensgeschichte enthalten, und es entsteht ein Sog, der einen hineinzieht. Die Sogwirkung war für mich nicht nur angenehm, denn Elisas Leben als junge Teenagerin auf der Straße war hammerhart und von Gewalt und Abstürzen geprägt, die mir im Herzen wehtaten. Die Protagonistin spricht liebevoll und kaltschnäuzig gleichermaßen – sie verliert nicht die Fähigkeit, intensiv zu fühlen, was ihr auch zum Verhängnis wurde. Mir gefällt die Wildheit, die Verletzlichkeit und die Entwicklung der Protagonistin, die sich offenkundig auch in Psychodynamik auskennt. Ich las Maschas Gedichte, ganz nach Elisas Anweisung, mindestens einmal laut für mich.
Die Autorin hat ein gutes Gefühl für den Rhythmus einer fesselnden Erzählung: Sie haut einem schonungslos die unsäglichsten Erlebnisse um die Ohren, so lange bis es weh tut und dann, gerade auf der Grenze erfolgt eine geschickte Wendung – das ergibt dann exakt so viel, dass es für das Gegenüber noch zumutbar bleibt. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung.