Am 27.5. kommt Katja Kullmann zu uns nach Bern, im Gepäck ihren ersten Roman, «Stars». Neugierig habe ich mir die Geschichte von Carla Mittmann in den letzten Tagen vorgenommen und mit grossem Vergnügen gelesen.
Kullmann, bzw. ihrer zu Beginn 47-jährigen Ich-Erzählerin, gelingt es gleich auf den ersten Seiten ihrer knapp zwei Jahre umspannenden, dreiteiligen Geschichte, mein Interesse zu wecken. Rückblickend schildert Carla, wie eines Nachts ein Ziegelstein durch ihr Schlafzimmerfenster segelt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite stehen die Worte «FREIHEIT FÜR MITTMANN!» auf dem Gehweg geschrieben und vor ihrer Wohnungstür findet sie noch am selben Morgen ein modriges Paket, darin zehntausend Dollar in Zehnernoten. Wer steckt hinter der Aktion? Was wird damit bezweckt? Was würden wir mit so einem Paket anfangen? Würde das unser Leben verändern und wenn ja, wie?
Nach diesem ungewöhnlichen Start entwickelt sich die Geschichte in für mich unerwarteter Richtung weiter: Ganz ohne erkennbare Hoch- oder Tiefpunkte oder sonstige 08/15-Erzählkniffe schildert sie unterhaltsam und mehrschichtig Carlas Sinnsuche und schafft es auf herausragende und subtile Weise, mit eben dieser vermeintlich individuellen Lebensgeschichte gesamtgesellschaftliche und politische Sehnsüchte und Gefühlslagen zu deuten. Dafür bedient sie sich, mit feiner Ironie, Carlas Steckenpferd, der Astrologie.
Carla Mittmann hat früher einmal Philosophie studiert, entsprechend gewitzt und eloquent drückt sie sich aus, das Buch ist daher auch sprachlich ein Genuss.
An der ein oder anderen Stelle habe ich mich gefragt, wo Kullmann mit dem Roman hin möchte. Ebenso verfolgt sie bspw. die Eingangsfrage nach der Herkunft des Geldes zwischenzeitlich nicht mehr weiter. Da sie uns nicht mit dem Zaunpfahl ihre Meinung zur “Lage der Nation” um die Ohren haut, eignet sich die Lektüre besonders gut für Anschlussdiskussionen: Über die zunehmende Sehnsucht nach einem Narrativ im Leben, über Schlagwörter wie Achtsamkeit und Sinnhaftigkeit, über die diversen Medien, deren Programm und unser Nutzer*innenverhalten, über soziale Beziehungen uvm.
Mich hat Katja Kullmann mit «Stars» begeistert, das Ende hat mich überrascht und laut zum Lachen gebracht. Wer Zeit und Gelegenheit hat, sollte sie unbedingt live erleben, allein schon, um sie fragen zu können, wie sie auf die Geschichte kam und wie viel Recherche sie für das Astrologie-Thema betreiben musste :-)