Das Lied der Krähen von Leigh Bardugo ist ein wirklich spezielles Buch. Die Charaktere, die Welt und die Geschichte an sich sind auf so unbeschreibliche Weise einzigartig, dass sich die Leseerfahrung auch kaum in Worte fassen lässt.
Den Anfang ist ein wenig herausfordernd, da gleich zu Beginn sehr viele Informationen auf einmal zusammenkommen. Namen von Figuren, Namen von Banden, Namen von Städten und Völkern. Ich fühlte mich ein kleines bisschen ins kalte Wasser geworfen, allerdings war das nicht weiter schlimm. Man braucht nur weiterzulesen, selbst wenn man noch nicht sofort alles begreift und mit der Zeit erscheint alles plötzlich klar und man fragt sich, warum man zuerst solche Mühe hatte. Einmal in der Geschichte drin ist es schwer wieder zurück in die Realität zu finden und das Buch wegzulegen.
Kaz Brekker als Hauptprotagonist ist ein Charakter, der sich mit keiner anderen Figur vergleichen lässt. Als rücksichtsloser Stratege führt er seine Bande an, mit Charme und Witz, was ihn aber keinesfalls schwach wirken lässt. Von seinen Bandenmitgliedern wird er respektiert und gefürchtet, ob er auch von einigen gemocht wird lässt sich nicht sagen. Man hat zwar das Gefühl, dass einige Mitglieder tatsächlich loyal sind, allerdings kann man nicht wirklich sicher sein, ob diese Loyalität wohl einen Preis hat. Sowieso kann man nie genau erkennen, wie die Charaktere zueinander und besonders zu Kaz Brekker stehen. Genau diese Unsicherheit zwischen den Figuren ist für mich der Hauptgrund, warum mir das Buch so gut gefallen hat. Die verschiedenen Erzählperspektiven erlauben es, jeden Protagonisten näher kennen zu lernen. Doch erfahren wir trotzdem nie genug, um das Handeln eines jeden Charakters mit Sicherheit voraussehen zu können. Auch war ich mir niemals sicher, ob meine Charaktereinschätzung für die verschiedenen Figuren korrekt war oder ob ich mit meinem Gefühl wohl völlig daneben lag. Denn Leigh Bardugo gibt immer wieder sehr subtile Hinweise auf die innere Motivation unserer Gruppe, doch manchmal kommen die Informationen so diskret, dass man nach weiteren zwanzig Seiten nicht weiss, ob man sie sich nur eingebildet hat.
Obwohl ich die Charaktere der Geschichte mit Abstand am spannendsten finde, ist auch die Story durchaus faszinierend. Immer wieder sind meine Gefühle in die Höhe gesprungen oder tief abgestürzt. Man denkt sich “oh Mist, alles ist schief gegangen”, wechselt dann zu “ah nein, war doch so geplant”, nur um wieder zurück zu kehren zu “aber das sollte definitiv nicht so sein”. Ein stetes Auf und Ab während sich die Ereignisse überschlagen und selbst unsere Protagonisten sichtlich Mühe haben, dem Plot hinterher zu kommen.
Alles in allem ist Das Lied der Krähen ein tolles Buch, das ich mit Freude jedem empfehle, der tiefgründige Charaktere mit ausgefallenen Backstorys, eine nervenaufreibende Räubergeschichte und eine Prise Fantasy mag.