„Mein Vater geht wie eine betrunkene Ballerina. Weder trinkt er, noch kann er tanzen.“
Dieser erste Satz ist bezeichnend für die unglaubliche Sprache, aus der dieses Buch geschaffen ist. Wir befinden uns im Spital, wo Mely Kiyas Vater wegen Lungenkrebs behandelt wird. Dort lässt sie uns an ihrem Kummer, an ihrer Wut – z. B. über die entmenschlichte Gesundheitsindustrie oder die Krankheit, die der Gastarbeiter durch seine Arbeit in Dämpfen davongetragen hat – teilhaben. Sie beschreibt eindrücklich, wie brachial medizinische Maßnahmen sein können und wie entsetzlich es ist, diesen peinigenden Prozeduren beizuwohnen. Immer wieder berührt einem die Liebe und Nähe zwischen ihr und ihrem Vater und die Ohnmacht gleichermassen – sie leidet mit, wenn er weint, hält es kaum aus, rennt durch die Klinik, kocht türkische Gerichte und organisiert die Einreise des Vaters’ Geliebten aus der Türkei. Dies geht bis zur eigenen Erschöpfung. Tröstlich sind des Vaters Ahnengeschichten, die schon Generationen vor ihm erzählt und ausgeschmückt wurden - und wenn er doch einen Happen isst.
Eine Schlüsselszene ist für mich, dass sie vom Psychologen hört, der Vater müsse seinen Pessimismus ausleben, bevor er Zuversicht gewinnen könne. Dazu reflektiert sie sprachlich ebenso treffend und schonungslos über sich selbst wie über die widrigen Umstände und sinnlosen Hürden, die ihr begegnen. „Wie einfältig wir in unserer Liebe sind“, sagt sie sich und sie erfindet das Wort „Belagerungsfürsorge“ - was sie aber nicht verurteilt, auch nicht die Art der familiären Kommunikation, die sie als eher streitbar bezeichnet. In der spürbaren Hilflosigkeit und der im Laufe der Krankheit entstehenden Isolation wettert Kiya wortreich in viele Richtungen - dass dies nicht wie ein beliebiger Rundumschlag wirkt, ist der sprachlichen Kunstfertigkeit geschuldet - und es schien ihr zu helfen. Einem selbst hilft es auch, die Schwere des Themas zu verdauen.