Antje Rávik Strubels kluger Roman kreist zunächst einmal um das Thema Macht. Die Hauptfigur der von einer allwissenden Erzählinstanz geschilderten Geschichte ist Hella Renata Karl. Eine Journalistin, die sich aus einfachen Verhältnissen an die Spitze des Feuilletons einer grossen Tageszeitung gearbeitet hat. Seit sieben Jahren ist sie in leitender Funktion dort tätig. Wie die Position, ihr Einfluss, ihre Macht Hella verändert haben, wird uns recht früh allein dadurch deutlich, dass sie die Realität anders wahrnimmt und einschätzt als ihr Umfeld, als wir. Eine Irritation wird beim Lesen spürbar und es dauerte bei mir etwas, bis ich sie verorten konnte.
Selbstüberschätzung ist eines der Nebenthemen. Mit wachsendem Einfluss, aber auch unter dem Druck der Chefetage hat sie vor einigen Monaten einen Kurswechsel angekündigt. Die bisher so wohlüberlegte, distanzierte Berichterstattung sollte emotionaler werden. Auch moralische Überlegenheit ist ein Nebenprodukt von Machtpositionen, lässt sich aus Hellas Geschichte ableiten. Damit eröffnet Strubel zugleich ein weiteres Themenfeld: unsere Debattenkultur, die zunehmend auf Empörung fusst. Ich dachte gerade noch, dass wir uns in der Hinsicht nicht so sehr von den Menschen des Mittelalters unterscheiden. Wir fordern zwar «nur» noch danach, dass symbolisch Köpfe rollen sollen, aber auch dadurch werden Existenzen zerstört.
Machtmissbrauch thematisiert Strubel selbstverständlich ebenso. Darüber hinaus, und das fand ich besonders spannend, zeigt sie an Hellas Beispiel, wie ungleich Macht noch immer zwischen Männern und Frauen verteilt ist. Dass sie bei Frauen temporär geduldet sein mag, aber selten bis in den privaten Bereich vordringt. Erniedrigung, Anbiederung, Machtgefälle – Strubel richtet ihr kritisches Auge subtil auf all diese Nebenaspekte.
Da Hella Journalistin ist, scheint hier jedes Wort bewusst ausgewählt. Keine Wiederholung, kein Satz steht hier willkürlich, der Roman ist wohldurchdacht (von der Atmosphäre bis hin zur Satzlänge), klar strukturiert und bietet thematisch, sprachlich, bildlich reichlich Grundlage für stundenlange Diskussionen, scheint mir. Zudem könnte ich mir vorstellen, dass «Der Einfluss der Fasane» von der Leserschaft sehr unterschiedlich interpretiert wird, was die Lektüre umso reizvoller macht.
Kritische, vielschichte, wohltuend empörungsfreie Lektüre, die uns zum Nachdenken anregt über die Welt, in der wir leben wollen.