Das Buch beginnt mit einer schönen Szene im gegenwärtigen Ibiza. Die Schreiberin ist in die Jahre gekommen und scheint zufrieden mit ihrem Leben – sie will ihre Geschichte erzählen. Und das tut sie so gut, dass man das Buch nicht aus der Hand legen will. Bracht erzählt kondensiert und wortgewaltig über ihr Leben und ihre sexuellen Bindungserfahrungen, nachdem sie als Kind sexuell missbraucht wurde. Die Schilderung ihrer in vermeintlicher Liebe verpackten Missbrauchserfahrung teilt sie in Häppchen auf; mehr und mehr wird die unheimliche Geschichte enthüllt. Sie findet anschauliche Worte für die Entbehrungen, vermiedenen und versäumten Erfahrungen, die erstarrten Entwicklungsprozesse und Leerstellen, „die ohne viel Aufsehen einfach ausbleiben“, wenn ein Mensch mit dieser beängstigenden Prägung durchs Leben geht. Ungeschönt berichtet sie sowohl über ihre gesellschaftlich anerkannte, übermäßige Kooperationsbereitschaft, die Lust am Gefallen und an der Verfügbarkeit als auch über den gelebten Gegenentwurf im Kampf für die Frauenrechte einige Jahre später. Sie offenbart ihre kreativen Bewältigungsstrategien und diversen Versuche, „es in der Sexualität zu etwas zu bringen“, und reflektiert darüber, welchen Preis sie dafür bezahlte – z. B. das sich wiederholende Opfer-Täter-Muster in Beziehungen. Ihre Sprache ist präzise – ich glaube, es ist kein Wort zu viel und keines zu wenig. So hoffnungsvoll der Anfang und auch der Schluss klingen mögen, ist das Buch durchdrungen von dem Gefühl der Anstrengung, die Schutzschicht aufrechtzuerhalten. Ein literarisches Werk, fernab von öffentlicher Empörung und Aufregung, das still und nachhaltig unter die Haut kriecht.
Ich denke, es bietet weise Worte des Erkennens für Menschen, die ähnliches erlebten; für Menschen, die Menschen lieben, die ähnliches erlebten; für Menschen, die sich keinen Begriff machen, was Gewaltprägung für eine Auswirkung auf das weitere Leben hat.