Im zweiten Teil ihrer autofiktionalen Biographie einer Frau richtet sich die Ich-Erzählerin mit ihren Gedankengängen vor allem direkt an ihren Mann. «Im Grunde ist es ganz einfach: Ich verlasse dich.» So beginnt ihr Text. Wie bei Gedanken üblich schweift sie zu einzelnen, über das gemeinsame Leben verteilten Episoden ab. Insgesamt nähert sie sich dabei wieder der Gegenwart an, dem Moment der Trennung.
Sie spricht aber nicht nur ihren Mann direkt an, sie redet eben vor allem mit sich selbst, sie versucht sich, das eigene Leben und Lieben begreifbar zu machen durch’s Schreiben. Sie versucht zu ergründen, wer sie war, wer sie ist. Das liest sich, als wäre es spontan so aus ihrer Feder/in die Tastatur geflossen. Zu dem Eindruck tragen Satzfragmente, in Klammern ergänzte Gedanken, Variationen von Satzteilen auf der Suche nach der richtigen Formulierung uvm. bei. Wir fühlen uns der Ich-Erzählerin dadurch näher.
Nah fühlen wir uns ihr aber auch aufgrund ihrer Offenheit und schonungslosen Ehrlichkeit. Sie stellt sich und ihre Beziehung (scheinbar) in all ihren Facetten dar: inkl. Makel, Zweifel und Irrungen. Zur Nähe tragen auch die Beschreibungen des Alltäglichen, des Banalen bei. Die Auflistungen von gemeinsam Erlebtem, gemeinsamen Anschaffungen etc.
Rückblickend erzählt sie von den Idealen und Träumen, die sie als junge Frau in Bezug auf die Liebe und das Leben gehabt habt, was daraus geworden ist und wie sie ihre Beziehung und ihr Leben in der Zwischenzeit bewertet. Wie der Alltag einzog in Leidenschaft und grenzenlose Liebe, wie sie aus der Paarverschmelzung zu Individuen wurden, wie Zweifel an der Beziehung sich in Gedankenspiralen verselbstständigten und warum sie trotzdem erst nach dreissig Jahren diesen Satz sagt: «Ich verlasse dich.» Das könnte sich verbittert, deprimiernd und/oder zynisch lesen, stattdessen ist es erneut selbstironisch, wehmütig und auf gewisse Weise friedvoll. Und manchmal vielleicht auch etwas zynisch :-)
Es lohnt sich, das Buch bis zum Ende zu lesen, das noch vorweg. Warum lohnt sich die Lektüre überhaupt? Weil sich daraus etwas lernen und sich darin ein gewisser Trost finden lässt, zumindest geht es mir so. Wir wissen alle, dass Liebe nicht so funktioniert wie im Roman oder Film und trotzdem halten wir an bestimmten Hoffnungen fest und sind enttäuscht, wenn sich die Liebe nicht so entwickelt, wie wir das zu kennen meinen. Je nachdem, wie stark man sich bei der Lektüre mit der Ich-Erzählerin identifiziert, lohnt sich vielleicht anschliessend noch ein Sachbuch zum Thema Partnerschaft 😅
Mir gefällt Julia Schochs «Das Liebespaar des Jahrhunderts» jedenfalls noch besser als der Auftakt, «Das Vorkommnis», und ich bin schon dran am finalen Teil der Trilogie.