Mit diesem Buch konnte mich Ulrike Herrmann sehr gut abholen. Im 1. Teil erläutert sie den Aufstieg des Kapitalismus. Wie er Wohlstand geschaffen hat, weshalb Kapitalismus konstant wachsen muss, wenn er nicht zusammenbrechen soll. Als Finanzfachfrau hat sie das sehr gut, gut verständlich und ausgesprochen lebendig dargelegt. Mit einleuchtenden Beispielen aus der Geschichte. Teil 2 erklärt, weshalb grünes Wachstum nicht funktionieren wird, jedenfalls nicht klimafreundlich. Dabei werden viele aktuell gepriesene Möglichkeiten, wie man ökologisch weitermachen könnte, möglichst ohne Einschränkung von Konsum dargelegt und sachlich fundiert widerlegt.
Im 3. Teil schliesslich erklärt Ulrike Herrmann, wie ein Ende des Kapitalismus und damit ein grünes Schrumpfen sein kann, ohne dass die Menschen in Armut leben müssten, ein Szenario, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht.
Meine Meinung: Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte, wenn man sich gerne sachlich mit dem Klimawandel und den Folgen für unsere Ernährungssicherheit auseinandersetzen mag.
Frau Herrmann war schon mehrfach Gast in Sternstunde Philosophie im SRF, u.a. zum im Buch behandelten Thema:
Sternstunde Philosophie - Wer rettet den Kapitalismus vor sich selbst? - Play SRF
Oder auf YouTube
Müssen wir den Kapitalismus aufgeben, um das Klima zu retten? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
- S. 166/167 Besonders beliebt ist die Idee, dass die Autos künftig autonom fahren und sich selbst steuern. Wer heute noch gestresst am Lenkrad witzt, könnte dann gemüstlich Kaffee trinken und die neuesten E-Mails durchsehen. Ist das Ziel erreicht, fährt das Auto weiter und nimmt die nächsten Passagiere auf.
Diese Visionen sollen suggerieren, dass es Spass machen kann, Energie zu sparen und auf den eigenen Pkw zu verzichten. Dagegen ist nichts zu sagen. …. Doch wird bei diesen ausgeklügelten Modellen übersehen, dass es kein “grünes Wachstum” generieren würde, mit weniger Autos auszukommen. Es wäre “grünes Schrumpfen”. In Deutschland arbeiten momentan 1.75 Millionen Menschen für die Automobilindustrie.
- S. 172 An neuen Stellen wird es nicht mangeln. Eine ökologische brauchte weit mehr Beschäftigte als die heutige Agroindustrie, und auch der deutsche Wald wird durch den Klimawandel so stark leiden, dass er flächendeckend wieder aufgeforstet werden muss.
- S. 180 Arbeit ist aber nicht das Gleiche wie Wachstum oder steigendes Einkommen. In einer klimaneutralen Welt würde die Wirtschaftsleistung Deutschlands abnehmen, da weniger Güter entstehen. Unter anderem würde es weniger Autos, keine Flüge, weniger Chemikalien, kleinere Wohnungen und keine neuen Bürogebäude oder Logistikzentren mehr geben. Niemand würde hungern, und das Leben wäre weiterhin schön - aber es wäre kein “grünes Wachstum”, sondern ein “grünes Schrumpfen”. Nur eine einzige Branche kann und soll expandieren: die Ökoenergie.
- S. 214 Manche Wachstumskritiker erkennen an, dass ihr Konzept noch Lücken hat. So schreibt der alternative Volkswirt Tim Jackson: “Bisher gibt es keine voll ausgearbeitete Makroökonomie für eine Postwachstumsgesellschaft.” Dieser Satz mag harmlos wirken, ist aber eine Bombe. Denn ohne eine ökonomische Modellierung ist es nicht möglich, den Kapitalismus zu verlassen.