Beale Street Blues ist für mich das bisher beste Buch, das ich von James Baldwin gelesen habe. Wohlgemerkt habe ich alle hervorragend gefunden. Dieses hier hat mich noch einmal mehr gefesselt, tief berührt. So spannend aufgezogen die Geschichte, eine Liebess- und Familiengeschichte, ist, so schlimm ist der Hintergrund. Zwar kann man Baldwin nicht in eine enge Kategorie schieben, immer aber geht es um Gerechtigkeit. Gewalt gegen jene, die “anders” sind, Rassismus, ob dies der Rassismus von Weissen gegenüber Schwarzen ist, oder um jenen gegenüber gleichgeschlechtlich liebenden Menschen. In Beale Street Blues nimmt Baldwin den Rassismus in Form einer hervorragenden, spannenden Erzählung richtig auseinander.
Die Nuancen von Schwarz, weniger schwarz, weiss, von sozialen Schichten, wo die Frauen im System stehen. Eine Hierarchie der Machtausübung, wo jener, der sich überlegen fühlt, den anderen demütigt oder schlimmer. Er schafft es, einen Blues daraus zu komponieren - eine Melodie von Liebe, Zusammengehörigkeit, Leid, Hass.
Es geht um Tish (Clementine) und Fonny (Alfonzo), ein junges Paar, beide schwarz, sie dunkler als er. Am Anfang des Buches besucht Tish Fonny im Gefängnis. Er ist der Vergewaltigung an einer puertoricanischen Frau angeklagt. Sie teilt ihm mit, dass sie Eltern werden. Fonny. Es geht um den Kampf, seinen Freispruch zu erwirken. Man erfährt die Geschichte der beiden jungen Menschen, wie sie zusammengekommen sind und lernt auch die jeweiligen Eltern und Geschwister kennen. Tish’s Familie ist eine Familie, in welcher der eine den anderen liebt, in der miteinander geredet und gelacht und geweint wird und jeder alles tut für den anderen. In Fonnys Familie sind Mutter und Schwestern gegen die Verbindung, grenzen sich Fonny gegenüber ab und der Vater ist ein Aussenseiter. Er ist mit Tish’s Vater befreundet.
Die Schilderungen gehen unter die Haut, bis ins Mark. Nur schon wie Tish - sie ist die Ich-Erzählerin - das Verhalten der Kunden - sie ist Verkäuferin in der Parfümerieabteilung in einem Warenhaus - schildert. Schwarze Kunden lassen sich das Parfum auf das eigene Handgelenk sprühen und schnuppern daran. Weisse Kunden lassen es auf Tishs Handgelenk sprühen, nehmen ihre Hand und halten sie an die Nase.
Es ist meisterhaft gemacht, in einer ausgezeichneten Sprache verfasst. Es lohnt sich auch, das Nachwort von Daniel Schreiber zu lesen. Ein wichtiges Buch. Rassimus ist nicht von gestern und einfach nur menschenentwürdigend.
- “Fonny, ich bin schon hundertmal an diesem Gemüsestand gewesen, und nie ist so was passiert. Ich muss für dich sorgen - für uns. Du kannst doch nicht überall mitkommen. Wie soll das deine Schuld sein? Das war doch bloss ein kaputter Junkie…” “Ein kaputter weisser Amerikaner”, sagte Fonny. “Na ja, immer noch nicht deine Schuld.” Er lächelte mich an. “Die haben uns im Schwitzkasten, Baby. Es ist schwer, aber denk bitte immer dran, dass sie uns auseinanderreissen können, in dem sie mich in die Scheisse reiten, und sie können versuchen, uns auseinanderzureissen, in dem sie dich dazu bringen, dass du mich davor beschützt. Verstehst du das?”.
- Aus dem Nachwort: Beale Street Blues ist Baldwins erschütterndstes Buch über die Psychologie des Rassismus. Wie in einer Versuchsanordnung spielt er hier durch, was rassistische Glaubenssätze aus Menschen machen. Jede Figur dieses Romans hat ein untrügliches Gespür dafür, welchen Rang eine Person aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Klasse und ihres Geschlechts in der Hierarchie der amerikanischen Gesellschaft einnimmt und was ihr aufgrund des blossen Vorteils ihrer Geburt “zusteht”.