Einleitung: Robert Harris (1957) studierte in Cambridge englische Literatur. Er arbeitete bei der BBC als Reporter, war politischer Redakteur bei der Zeitung The Observer und schrieb Kolumnen für diverse Zeitungen. Viele seiner Bücher wurden internationale Bestseller. Sein Roman «Konklave» hat mich dazu motiviert, mich nun mit «Abgrund» zu beschäftigen. Der britische Autor verwandelt historische Begebenheiten in ausgezeichnete Literatur. Wir haben hier einen weiteren Roman vor uns, dessen Grundlage der Realität entspricht und wie immer ausgezeichnet recherchiert wurde.
Inhalt: Der Roman beginnt kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Europa hält den Atem an: Marschieren österreichische Truppen nach der Ermordung ihres Thronfolgers und seiner Gemahlin in Serbien ein? (Bekanntlich erfolgte im Juli 1914 die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.) Die Politik ist angespannt. Und was macht Premierminister Asquith an der Downing Street Number 10? Sein Fokus richtet sich neben schwierigen politischen Entscheidungen auf seine halb so alte Geliebte, die in aristokratischen Kreisen ihr Dasein fristet.
In unzähligen Briefausschnitten werden nicht nur Liebesgefühle ausgetauscht. Premierminister Asquith schildert ihr auch vertrauliche Einzelheiten über geheime Staatsgeschäfte. Während einer gemeinsamen Spazierfahrt mit seiner Geliebten wirft er geheime Dokumente achtlos aus dem Autofenster. Dieser Leichtsinn führt dazu, dass der britische Inlandsgeheimdienst MI5 aktiv wird und mit der Begründung «nationaler Sicherheit» illegal den Postaustausch überwacht.
Zitat: «Überall in Europa, dachte er, bringt sich jeder in Stellung, bewegt sich alles in die gleiche Richtung, auf den Abgrund zu. Die Welt war wahnsinnig geworden.» (Ein Vergleich zur heutigen Zeit scheint mir durchaus angebracht.)
Persönliche Meinung: 560 Briefe sind tatsächlich erhalten geblieben. Diese, verwoben mit einer Geschichtsstunde über den Ersten Weltkrieg, bilden den Stoff für diese interessante Geschichte. Weitere Figuren wie Winston Churchill und Außenminister Edward Grey werden zudem geschickt in den Roman eingebunden. Die unterschiedlichen Charaktere werden treffend beschrieben.
Fazit / Empfehlung: Im Nachwort wird erwähnt, dass Asquith nicht aufgrund der Liebesaffäre oder wegen Geheimnisverrats zurücktreten musste, sondern nach einer Intrige seiner liberalen Partei. Harris beschreibt die Phase des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nicht nur spannend und anschaulich, sondern auch auf einer soliden historischen Basis. Harris ist ein Künstler darin, Realität mit Fiktion zu verknüpfen. Seine Bücher sind gerade deshalb durchaus lehrreich, empfehlenswert und begeistern immer wieder seine Fans. Zwei Sterne Abzug gibt es, weil der Briefwechsel für mich etwas gar umfangreich ausgefallen ist.