Hätte, wäre…
Fazit eines Verkehrsunfalls, bei dem die acht Monate alte Autorin in Sekundenbruchteilen ihren damals 33-jährigen Vater verliert:
Sie kann sich mit ihrer Mutter, die sich in eisiges Schweigen über den Vorfall hüllt, nie über ihren Vater, den sie nur von Fotos kennt, unterhalten.
60 Jahre vergehen, ehe sie sich auf den Weg macht, den „Töter“ ihres Papas zu stellen. So stellt sie es sich zumindest vor. 60 verpasste Jahre, 33 gelebte Jahre. p.156
Ihre Suche wird zu einem Stöbern in ihrer Familiengeschichte. Sie beschreibt ihre Ferien in Bari, bei ihrer Grossmutter (siehe Roman: Die Marschallin), erzählt, wie sich ihre Eltern kennengelernt haben und vom unsäglichen Schmerz ihrer Mutter: Mutters Bewältigungsstrategie war das Schweigen. 179
Neben Assoziationen in Bruchstücken, wie Fotos, Statistiken über Strassenverkehrsopfer, Überlegungen zu beabsichtigten und fahrlässig verursachten Morden, neun Gesprächen mit Freunden in einem Kaffeehaus, — diese laufen wie ein roter Faden durch das Buch und kommentieren die Gefühle der Protagonisten —Besuchen bei ihrer dementen Mutter im Heim, läuft parallel die Recherche nach dem Unfallverursacher, dessen Name E.T nicht zufällig gewählt wurde, er der Ungreifbare, der grosse Unbekannte — lebt er noch? —der wie ein Ausserirdischer in die Idylle der jungen Arztfamilie einfuhr und alles zerstörte — , diese Nachforschung wird erratisch.
Und immer wieder die Beschäftigung mit dem Thema Schuld und Sühne (sogar das 7. Gespräch im Kaffeehaus trägt diesen Titel p. 103): Ob Traxler jemals versucht hat herauszufinden, wie Mutters und mein Leben verlief?
Gibt es Forschung darüber, wie Schuldige umgehen mit ihrer Schuld — ob sie die Lebenswege der Geschädigten verfolgen, beispielsweise? 115
Seit das erste Kraftfahrzeug aus einer Fertigungshalle rollte, haben mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben ans Auto verloren. P.191
Obwohl die Suche äusserst harzig verläuft — die Autorin fürchtet die Gegenüberstellung —, die Bewohner des Glarnerlandes sind abweisend gegen Fremdlinge, die Ämter und Gerichte weisen die Waise von einer Amtsstelle zur nächsten, führt sie aber zu einem erlösenden Ende.
Oft sind es Zufallsbegegnungen, die ihr ein Puzzleteil überreichen. Dazu kommt, dass ihre Stimmung geprägt ist von Unsicherheit, von Angst: Einerseits wissen wollen, andrerseits Scheu vor dem Wissen 115, dem Mann, so er überhaupt noch lebt, gegenüberzutreten, ihn mit ihrem Leid zu konfrontieren,
Bewegung kommt in die Nachforschungen als ein junger, beflissener Archivar die Recherchen vorwärtstreibt. Nun steigt der Spannungsbogen, was vorher oft wirr daherkam, wird zur akribischen Spurensuche in endlich vorliegenden Gerichtsbeschlüssen. Und der zu Ernst Traxler gewordene Ausserirdische wird fassbar.
Die angepeilte Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne wird zur Einsicht, dass Schweigen kein Mittel zur Verarbeitung einer Tragödie ist, dass neben Weiss und Schwarz auch Grautöne das Leben bestimmen, dass auch Täter Opfer sein können.
Fazit: Eine sich in vielen Nebensträngen ausufernde Recherche, zusammengehalten durch das Oberthema Schuld und Sühne, durch die Einsicht, dass Opfer und Täter enger verbunden sind als man sich in seiner Trauer ausmalen kann.
Und dass wir alle gleich sind: Auf p. 177 steht der Satz: Die Totenköpfe aber sind für uns, sind die alltägliche Mahnung: Bedenke, dass du sterblich bist.*
Ein gelungener Wurf.
Lesenswert.
Dazu noch ein Zitat von Leïla Slimani aus «Le parfum des fleurs la nuit»: Même les monstres, les coupables ont une histoire. La littérature, à mes yeux, c’est la présomption d’innocence. p.122 Lorsqu’on écrit on prend en affection les faiblesses, les défauts des autres. p.123
Sogar Monster, Schuldige haben eine Geschichte. In meinen Augen ist die Literatur die Annahme der Unschuld. Wenn man schreibt, befasst man sich mit den Schwächen und Fehler der anderen.