«Er zwang mich, mich selbst zu entdecken und aus eigener Kraft weiterzuleben. Dafür werde ich ihm stets dankbar sein» (313). So endet das Buch, in dem Françoise Gilot ihre Zeit mit Picasso schildert. Die umfangreichen Erinnerungen überraschen durch ihre Fülle, Dialoge werden genau wiedergegeben und spiegeln ein schwieriges Auskommen mit Picasso, der mit Genuss seine Spiele mit allen Menschen trieb.
Die junge Françoise lernt Picasso per Zufall in Paris kennen, sie führen interessante Gespräche über Kunst und Picasso möchte, dass sie bei ihm einzieht. Françoise zögert, sieht sie doch wie ungehalten und zornig Pablo manchmal sein kann. Neben interessanten Begegnungen mit andern Künstlern, Diskussionen über Kunst, Kunststile und Philosophie werden intrigante Spiele Picassos mit Kunsthändlern und andern Menschen geschildert. Menschlich Allzumenschliches ist allgegenwärtig in den Erinnerungen. Ihr gemeinsames Leben wird beherrscht durch ihn, der masslos eifersüchtig sein kann, durch seinen Erfolg arrogant, manchmal unnahbar und überheblich geworden ist. Françoise entwickelt ihren eigenen Kunststil, auch nach der Geburt ihrer zwei Kinder leben sie meist in Südfrankreich, dazwischen in Paris. Doch Françoise bietet Pablo die Stirn, sie weiss, was sie ihm entgegensetzen kann, in ihrer grossen Liebe erträgt sie manches und manchmal doch zu viel. Doch Pablo wird schrulliger, und Françoise sehnt sich nach menschlicher Wärme, sie spürt, dass es so nicht weitergehen kann. Und so beginnt sie sich schweren Herzens zu lösen – was ihr als einziger der Picassofrauen auch gelingt.
Das Buch ist ein interessantes Zeugnis einer mutigen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und ihr eigenes Leben trotz der männlich-arroganten Übermacht selbst gestaltet und lebt.
«Du solltest das wissen. Wenn ich dich anschreie und dir unangenehme Dinge sage, dann tue ich das, um dich abzuhärten. Ich möchte, dass du wütend wirst, schreist und eine Szene machst, aber das tust du nicht. Du schweigst mich an, wirst sarkastisch, ein wenig bitter, zurückhaltend und kalt. Ich möchte einmal erleben, dass du aus dir herausgehst, dich gehenlässt, lachst, weinst - mein Spiel spielst. Er schüttelte den Kopf voller Abscheu. Ich werde euch Nordländer nie verstehen..» (286).
«»Du wirst nicht so lange leben wie ich». Der Gedanke machte ihn rasend, dass jemand, der ein Teil seines Lebens gewesen war, ihn überleben könnte. Er wiederholte, was er mir zu Anfang gesagt hatte: »Jedes Mal, wenn ich eine neue Frau nehme, sollte ich ihre Vorgängerin verbrennen. Dann wäre ich sie los. Es gäbe sie dann nicht mehr, und sie könnte mein Leben nicht mehr komplizieren. Vielleicht würde mir das auch meine Jugend zurückgeben. Man tötet die Frau und löscht damit die Vergangenheit aus, für die sie steht» (295).