Als Mairas Chef ihr anbietet, sein Geschäft zu übernehmen, fährt Maira erstmals nach 18 Jahren nach Soeterhoop, um das Zuhause ihrer Kindheit zu verkaufen. Doch die Reise in die Vergangenheit fördert mehr zutage als nur ein paar Erinnerungsstücke.
Julia Dibbern schreibt aus wechselnden Perspektiven und Zeiten, wobei die jeweiligen Wechsel in der Regel gut gekennzeichnet sind, bspw. durch ein neues Kapitel, eine andere Schriftart (im Fall der Briefe von Mairas Mutter) oder eben den Wechsel der Erzählstimme. Denn während Maira in der ersten Person die Ereignisse schildert, schreibt Dibbern von den anderen Figuren in der dritten Person. Spannend ist, wie die Autorin darstellt, dass die in den vergangenen Jahren mühsam von Maira auf Abstand gehaltene Vergangenheit nun immer öfter in ihre Gegenwart drängt. Denn diese Wechsel werden nicht markiert, sondern wie die Hauptgeschichte auch im Präsens erzählt. Sie brechen unerwartet über Maira hinein, entreissen sie ihrer Gegenwart und dauern in der Regel nicht lang. Dibbern wechselt hingegen gelegentlich länger mit Maira in die Vergangenheit. Das aber nur kapitelweise und dann tatsächlich in der dritten Person.
Wir merken schon früh beim Lesen, dass da etwas in Mairas Kindheit schlummert, was noch verarbeitet werden muss. Aber was damals genau passiert ist, erfahren wir erst sehr spät in Gänze. Dibbern hält so über einen langen Zeitraum eine feine Spannung aufrecht. Spannend ist auch, dass Mairas Zeit auf Soeterhoop begrenzt ist und sich gegen Ende die Frage stellt, was sie wirklich will. Denn sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Zuneigung zu ihrem Chef und dessen Frau und dem Wunsch, das Vertrauen der beiden in sie nicht zu verlieren, und ihrer neu erwachten Zuneigung zu ihrer Heimat. Wie sie sich schlussendlich entscheiden wird, war für mich bis zum Schluss Anlass zum Rätseln.
Fast nebenbei thematisiert Dibbern auch den Umweltschutz, die Auswirkungen unserer Reisefreude und unseres Konsums auf unseren Planeten. Ihre Beschreibungen der Ostsee, der Insel und dem Mikrokosmos, den Mairas Hof ausmacht, sind eine lebendige, raue und kraftvolle Hommage an unseren Lebensraum. Wie die Kälte – von Wind und Meer – und die Natur an sich Maira schon in ihrer Kindheit und Jugend belebt haben, wird beim Lesen spürbar.
«Unter Wasser ist es still» gibt schon beim Lesen Kraft. Ein Sehnsuchtsroman über Verlust, Schuld, Trauma, Vergebung, Freundschaft und alles, was das Leben lebenswert macht.