Siri Hustvedt geht in dieser Sammlung an Essays verschiedenen Themen nach. In detaillierter, präziser Analyse lässt sie den Leser/die Leserin an ihren Gedankengängen teilhaben. Sie ist die Erzählerin und gleichzeitig lässt sie einen auch einen Blick auf ihr Wesen, ihre Haltung erahnen, ohne sich als Person in den Vordergrund zu stellen. Sie schreibt von ihrer Grossmutter, den Zähnen, die sie über die Nacht in ein Wasserglas legte, und die eine resolute Frau und ein ebenso resolutes Kind gewesen sein muss: Bevor er (der Pastor) das Anwesen (der Familie) verliess, verkündete er allen Anwesenden, der vorzeitige Tod der Frau (Mutter der Grossmutter) sei der “Wille Gottes gewesen”. Darauf stampfte meine Grossmutter, lange bevor sie meine Grossmutter war, zornig mit dem Fuss auf und schrie: “Ist es nicht! Ist es nicht!”.
Sie schreibt über ihre Mutter, Erinnerungen an ihre Mutter, die Verbindung, das Mutter-Sein allgemein.
Die Essays sind aber grösstenteils nicht familiären Beziehungen gewidmet und gehen über dieses Netz hinaus. In “Notizen aus New York” widmet sie sich in der Pandemie politischen Gedanken.
Es folgen eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Werken von Louise Bourgois, mit der Geschichte von Sindbad dem Seefahrer, die sie in Variationen widergibt, mit Werken aus der Literatur, dem Lesen.
In vielen der Essay betrifft ein prominentes Thema Frau und Mann - oder umgekehrt. Es wird recht klar, dass sie eine Feministin ist. Allerdings habe ich ihre Art nicht als unangenehm empfunden, sondern klar argumentiert. Die Seite des Mannes, inwiefern Männer auch Sexismus oder Diskriminierung erfahren, ist nicht thematisiert.
Ihre tiefen Gedankengänge haben mich sehr in den Bann gezogen. Die Autorin schreibt ausgezeichnet, nicht trocken und man findet sich richtig im Sog dieser Gedanken. Ich bewundere die Tiefe ihrer Gedanken.
Eine Lektüre, die ich nur empfehlen kann.