June Hayward ist Schriftstellerin, doch ihr Debüt floppte und seither hält sie sich mit Nachhilfestunden über Wasser. Das Schreiben stockt. Da stirbt in ihrem Beisein die gleichaltrige, erfolgreiche Schriftstellerin Athena Liu – und auf deren Schreibtisch liegt ihr noch unveröffentlichtes, jüngstes Manuskript. Es wäre eine Schande, es in diesem Zustand der Nachwelt zu überlassen, es würde Athena einfach nicht gerecht. Und so macht sich June an die Arbeit.
Ich-Erzählerin June spricht uns von Anfang an direkt an. «Yellowface» liest sich wie ihr Plädoyer. Sie schreibt rückblickend und doch im Präsens. Es ist ein Roman über Aneignung in verschiedenster Form, es ist aber auch eine scharfzüngige Kritik am gesamten Literaturbetrieb. Denn entscheidend für den Erfolg eines Buches ist weniger der Schreibstil oder der Inhalt und erheblich mehr das Gesamtpaket zu dem noch die verschiedenen Aspekte des/der Autor*in hinzukommen: Geschlecht, Alter, Aussehen, sozio-kultureller Hintergrund. Darauf, so Kuang, basiert die Entscheidung der Verlage, aus einem Buch einen Bestseller zu machen. Wer nicht ins gesuchte Schema passt, hat Pech gehabt. Ist die Entscheidung getroffen, läuft eine gigantische Marketingmaschine an und pusht den gewählten Titel bis zum geplanten Erfolg. Gleichzeitig wird vor Veröffentlichung der Text gnadenlos bearbeitet, um eine möglichst grosse Reichweite zu erlangen – das ursprüngliche Manuskript ist danach, wenn nicht mit Händen und Füssen verteidigt, teils kaum noch erkennbar. Nach Veröffentlichung wird der neue Shootingstar umgarnt – und genauso schnell wieder vergessen, wie er/sie in den Himmel gehoben wurde, wenn nicht rasch ein neues Werk nachgelegt wird.
An der Stelle müssen auch wir Lesenden uns an die eigene Nase fassen. Denn nach welchen Kriterien wählen wir Bücher aus? Wie oft beurteilen wir ein Buch anhand seines Covers und des Titels, bevor wir uns, wenn überhaupt, dem Inhalt widmen?
Das ist der eine Aspekt von «Yellowface». Andererseits geht es aber auch um die heftig debattierte Frage, wer welche Geschichten schreiben darf? Eine Frage, die auch Kuang nicht abschliessend beantworten will, aber sie gibt uns reichlich Stoff, selber weiter zu diskutieren.
Sprachlich ist ihr Werk ebenfalls faszinierend. Denn June umgarnt uns mit ihrer Erzählweise und der direkten Ansprache, sie macht uns zu Kompliz*innen ihres Werks und wer nicht aufpasst, findet sich an mancher Stelle zustimmend nickend, weil sie ihre Sicht so plausibel darlegt. Sie erkennt den Rassismus anderer Leute klar, nur ihren eigenen blendet sie völlig aus. Uns gegenüber ist sie stets nett und nahbar, später stilisiert sie sich als Opfer, doch mit zunehmendem Erfolg wird sie anderen gegenüber gnadenlos. Je weiter ihre Täuschung voranschreitet, umso verzerrter wird ihr Selbstbild. Ihr Plädoyer wandelt sich zwischenzeitlich in eine Geistergeschichte, an der auch die sozialen Medien stark beteiligt sind (was ist hier wirklich real?).
Es liesse sich noch einiges mehr sagen über «Yellowface», das im Übrigen von Jasmin Humburg souverän ins Deutsche übersetzt worden ist. Aber bevor ich hier einen Roman über den Roman schreibe: Vergessen Sie, was ich gesagt habe, und schauen Sie ganz unvoreingenommen selber hinein
PS: Was hat mich «Yellowface» lesen lassen? Es ist mir von mehreren Seiten wärmstens empfohlen worden, zudem verbinde ich den Eichborn-Verlag mit guter Literatur – vielleicht sollte ich an meinen Auswahlkriterien arbeiten…