Beeindruckende und berührende Geschichte einer jungen Frau aus dem Entlebuech, die Ende der 1960er herausfindet, was sie vom Leben erwartet.
Lily, unserer Protagonistin, ist mit 16 Jahren Unaussprechliches widerfahren, weswegen sie zeitweise verstummt. Die ratlosen Eltern schicken sie 1967 als Au-Pair für ein Jahr nach Belgien. Nach ihrer Rückkehr muss Lily erste Entscheidungen treffen: Was will sie vom Leben? Soll sie Karl heiraten? Oder auf Wunsch der Mutter Lehrerin werden? Oder will sie etwas ganz anderes?
Alice Schmids Sprache ist absolut beeindruckend. Ich-Erzählerin Lily wirkt anfangs, allein wegen der Sprache und der fahrigen Zeitsprünge, als stünde sie neben sich. Ihre Verlorenheit, ihre Sprachlosigkeit macht Schmid überdeutlich, insbesondere vor dem fremdsprachigen Hintergrund. Umso berührender, wie Lily mit der Zeit ihre Sprache und nach mehreren Jahren auch sich selbst findet. Denn wir begleiten sie bis ins Jahr 1973.
Beeindruckend fand ich dabei auch Lilys Weg. Wie sie in ihren Sommerferien allein die Welt erkundet ist absolut abenteuerlich – zumindest für mich heute. Ohne Handy, ohne Karte, nur mit Bargeld, einfach mit dem Rucksack nach Italien trampen, Italienisch lernen, weiter nach Frankreich und einige Jahre darauf nach England und dabei immer mit einer absoluten Zuversicht. Dies vielleicht auch der gestreckten Erzählung geschuldet.
Speziell ist auch Schmids/Lilys Blick auf die Welt, der durch Lilys Leidenschaften für Musik, Fotografie und Film immer stärker geprägt wird. Wie auch uns Ausschnitte präsentiert werden, an besondere Momente herangezoomt wird, wie lebendig und detailliert Lilys Umwelt beschrieben wird, das alles ist unvergesslich und einzigartig schön.
Eine wunderbare Lektüre, die Kraft gibt und mich enorm bereichert hat.