Wie das unsagbare erzählen? Wie über die menschliche Grausamkeit und Gewalttätigkeit schreiben, wenn nicht anhand der selbst erlebten und erlittenen Gräuel? Was passiert im Kopf des Täters? Wie kommt es, dass man so fasziniert ist von Gewalt? Wo ist der Ursprung? Bin ich fasziniert von Gewalt, weil ich selbst Gewalt erlitten habe?
Durch entschuldigende Erzählungen wird die Schuld umgekehrt, wird die Gewalt gerechtfertigt, wird dem Opfer die Schuld zugeschoben und die eigenen Taten werden entschuldigt und schöngeredet.
Das Opfer empfindet Schuldgefühle beim Verweigern und Ablehnen seiner «Zuneigung», da er ja ihr Erzieher ist und nur das beste will für seine Schutzbefohlene. Eine Bizarre Situation. Letztlich bleibt die Missbrauchte in grosser Einsamkeit. Einsamkeit des Schweigens, des Erleidens, des Ausgeliefertseins. Die Gewalt kann nicht in Worten ausgedrückt werden. Es bleibt ein Gefühl der Unmöglichkeit, wirklich zu erzählen und zu beschreiben, was wirklich gewesen ist. Letztlich ist es ein Allein und Einsam-bleiben mit dem Erlittenen, es bleibt unerzählbar, und doch muss es erzählt und benennt werden – ein unauflösbarer, bizarrer Widerspruch.
Es ist die Geschichte von Neige Sinno und gleichzeitig die Geschichte vieler! Darum schreibt sie: es sind so viele, die schweigen, aus Scham oder aus Angst, dass die ganze Familie auffliegt, dass sie alle geächtet werden. Aus Angst vor dem zur Schau gestellt werden im Gerichtsprozess, aus Angst davor, die eigene Geschichte immer erzählen und zu Protokoll geben zu müssen.
Für die Opfer bleibt es schwierig: das Erlittene ist nicht zu tilgen, es bleibt immer als Schatten mehr oder weniger präsent, legt sich über das gesamte Leben. Es gilt, den Seiltanz zwischen dem Erlittenen und dem neu zu gestaltenden Leben zu wagen.
Ein erschütterndes, ehrliches, aufrüttelndes Zeugnis, das tiefgreifende Fragen stellt und behutsam nach Antworten sucht. Es ist nicht immer leicht zu lesen, aber ergründet das Thema Missbrauch und Vergewaltigung in der Familie in den unterschiedlichsten Aspekten und Auswirklungen, versucht sich auch in den Kopf des Täters hineinzufühlen und nennt einige Beispiele aus der Literatur.
Neige Sinno hat den Prix Femina auf jeden Fall verdient, ebenso gut wäre ihr auch noch der Prix Goncourt zugestanden!