Ab dem Moment, mit dem das Buch aufgeschlagen wird, begeistert es durch seine hingebungsvolle Liebe zum Detail. Hie und da finden sich Tintenklekse, Tropfen und Kratzer - und selbst die wenigen nicht-illustrierten Seiten haben dankenswerter Weise ein kleines “Pergament-Finish” erhalten, so dass die Ernüchterung beim Umblättern nicht ganz so herb ausfällt. Jedes Kapitel ist mit einer ganzen Reihe detailreicher und phantastischer Zeichnungen illustriert, die die besonders charmanten, witzigen oder charakterstarken Momente der jeweiligen Seite betonen. Dabei sind auch die einfachereren Illustrationen - kleine Spinnen oder einflatternde Briefe am Rand, eine kleine Schachfigur, eine verdatterte Eule - überzeugend und sprühen voll kindlichem Zauber. Doch sie verblassen gegenüber den unglaublichen Szenerien, die Jim Kay da erschaffen hat und wovon auch die beigefügten Bilder nur vagen Eindruck vermitteln können: Erstklassige, mal farbenfrohe, mal schaurig-düstere Bildgeschichten, die den Leser wie ein Denkarium in ihren Bann und mitten ins zauberhafte Geschehen ziehen. Wer die Illustrationen von Sabine Wilharm (sie gestaltete die Buchcover der deutschen Ausgaben) mochte, wird diese hier lieben! Es ist dieser unwiderstehliche Charme von singenden Wandgemälden, dieses immer leicht Absonderliche einer missglückten Köpfung, dieses Gefühl von warmem Butterbier an einem kalten Herbsttag, das in jedem Bild mitschwingt und mich sofort überzeugen konnte - etwas, das ich bei den Verfilmungen zuletzt immer mehr vermisst hatte. Dabei lassen Kays Illustrationen doch immer noch ein wenig Spielraum für ein kleines Mehr, das die Phantasie des Lesers erschaffen und weiterspinnen kann.
Für kleine und große Muggelkinder, für bibliophile Träumer und alle unfreiwilligen Squibs ist dieses Werk ein charmanter Reiseführer zurück in die Welt jenseits des Gleis 9 ¾, gleich hinter der brüchigen Mauer im Hinterhof des Tropfenden Kessel. Der Preis ist vollkommen angemessen: Für ein paar Franken mehr gegenüber der Normalausgabe erhält man nicht bloß 256 Seiten hochwertigster Buchkunst - man möchte wieder Kürbissaft trinkend und Pfeifende Pfefferdrops naschend am Kaminfeuer sitzen und verschwörerisch über den jüngsten Rätseln schmökern…