Mal wieder freue ich mich über meinen Leseclub, denn wer weiss, ob ich ohne ihn “Birobidschan” gelesen hätte. Ich hätte zumindest etwas verpasst.
Was mich gleich zu Anfang begeistert hat, das ist der Umgang mit Zeit und Raum. Dotan-Dreyfus spricht uns im Prolog direkt an, erklärt, dass Zeit linear verläuft - selbst kreisförmig sei es noch immer eine Linie -, nur um das dann innerhalb seiner Geschichte aufzuheben. Er springt zunächst durch die Zeiten, vom Beginn Birobidschans in die Gegenwart, in die nähere Vergangenheit - hin und her, vor und zurück. Es braucht ein wenig, um sich in den Zeiten und vor allem im Personal des klein anmutenden Ortes zurechtzufinden. Später verschwimmen die Grenzen zwischen Zeit und Raum völlig - mehr will ich nicht verraten, um nichts vorweg zu nehmen. Das wirkt sich auch auf die Atmosphäre auf: die realitätsfeste Pionier-Stimmung zu Beginn wird traumgleicher, fantastischer. Nicht zu vergessen ist das metafiktionale Element.
Toll auch, wie Dotan-Dreyfus uns zunächst Birobidschan vorstellt und wie dieser ungewöhnliche, fremde Ort uns immer vertrauter wird. Trotzdem bleibt eine Distanz bestehen zu “unserer” Realität, die wiederum noch stärker kontrastiert mit dem Nachbarort Smidowitsch.
Es ist die Geschichte eines Ortes, seiner jüdischen Bewohner*innen und zum Teil auch Russlands. Dotan-Dreyfus umspannt dabei die Jahre 1932 bis ca. 2010 und unterteilt seine Geschichte in 81, unterschiedlich lange und oft recht kurze Kapitel.
Faszinierend sind oft die Sätze, die er ans Ende seiner Kapitel stellt, weil sie teils philosophischer, teils poetischer Natur sind, weil sie interessante Gedanken aufwerfen und ungewöhnliche Bilder zeichnen. Und manchmal blitzt ein wunderbarer Humor durch, der mich überrascht auflachen liess.
“Birobidschan” an sich gibt viel zum Diskutieren her und ich freue mich schon jetzt auf die Besprechung mit meinem Leseclub.