Danke fürs Eröffnen, @Trylanfyrr.
Ein W-Buch habe ich noch im Juli gelesen:
✅ Widmer Urs, Reise an den Rand des Universums ⭐⭐⭐⭐⭐
Der Autor schreibt über seine ersten dreissig Lebensjahre, bevor er sein Schriftstellerleben anfing. Es ist ausgesprochen spannend und flüssig zu lesen. Nicht nur sein Leben, die Familie und die Zeit, in die er hineingeboren wurde, sondern auch die Tatsache, dass er in Basel aufwuchs, aber Ferien etc. in anderen Gegenden der Schweiz verbrachte machen das Buch so besonders. ( (Rezension)).
Ein Buch für X zu finden, war nicht so einfach, da ich nach Autoren-Nachname lese. So habe ich einfach den Katalog der Bibliothek entsprechend durchsucht und eine Wahl getroffen. Auch dieses Buch ist bereits gelesen.
Xing Xu, Und alles, was bleibt, ist für dich ⭐⭐⭐⭐. Leider kann ich es weder hier, noch auf OF verlinken.
So schreibe ich hier auf, was ich für mich festgehalten habe:
—
Weit weg vom Cliché …
… des arbeits- und strebsamen chinesischen Mannes.
Dass der Titel durchaus passend ist, merkt man erst im Verlauf der Lektüre. Das offenbart auch, wie stark man von gefassten Vorstellungen eingenommen ist.
Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist, wie sein Freund, den er Bruder nennt, leben möglichst vagabundierend, auf Kosten anderer lebend. Gemeinsam reisen sie mit dem Fahrrad durch halb China. Den Frauen gegenüber nehmen sie eine eigenartige Sicht ein – es passt, gefällt aber wenigstens mir nicht. An Regeln halten sie sich grundsätzlich nicht, müssen sich immer wieder aus heiklen Situationen herausschleichen. Hin und wieder müssen sie etwas Geld einbringen und eine Arbeit annehmen – nicht nur konventionelles, da ist auch mal die Rolle eines Vergewaltigers oder eines Toten für einen Film dabei. Der “Bruder” wandert aus nach Deutschland, um dort ein Ein- und vor allem ein Auskommen zu haben. Er regt den Ich-Erzähler an, ihn zu besuchen und gemeinsam sind sie dann in Deutschland, ebenfalls umherreisend. Hin und wieder ist es notwendig, etwas Geld einzubringen und auch einem Job nachzugehen.
So unterschiedlich sind gewisse Zwänge auch in Deutschland nicht. Diese recht schräg geschriebene Geschichte weckt gesellschaftliche Themen auf eine in gewisser Weise spielerische Art zum Leben. Es ist allerdings kein fröhliches Buch. Manchmal hat es mich abgestossen, besonders Passagen, in denen die Frauen in Bezug auf die Lust ins Spiel kamen. Oft ist es aber auch sehr komisch, z.B. beim Ausfüllen der Personalien für eine Übernachtung, wo einer der Reisekumpane bei “Sex” “Ja” notiert.
Ich war lange unsicher, ob es mir nun gefällt oder nicht – es hat aber zu den anfänglich zwei Sternen, die ich vergeben wollte zwei weitere dazugewonnen. Ich brauchte eine Weile, bis ich den tiefen Sinn verstand und die Frauenpassagen versönlich betrachten konnte.
Im Nachwort schreibt eine Übersetzerin etwas zum Autor. Das hat mich enorm beeindruckt. Die Familie brach 1957 im Zug der Anti-Rechts-Bewegung. Xings Mutter folgte dem Aufruf der Partei zur Umerziehung der Intellektuellen. Die Geschwister wurden aufs Land verschickt und Xu Xing bleib als Elfjähriger allein in Peking zurück und musste sich allein durchs Leben schlagen.